Können Elektroroller einen Teil des urbanen Autoverkehrs ersetzen?

Bei dem Rummel um e-Scooter sind Elektroroller (Motorroller mit Elektroantrieb) und ihre Rolle im urbanen Mobilitätsmix unbeachtet geblieben. Dabei haben Sie im Gegensatz zu e-Scootern tatsächlich das Potential einen Teil des Autoverkehrs zu ersetzen.

 

e-Scooter oder Elektroroller

 

Als im vergangenen Sommer die ersten Sharing-e-Scooter (e-Tretroller) auf Deutschlands Strassen erschienen, gab es die Hoffnung, dass sie Leute dazu bringen würden das Auto öfter stehen zu lassen. Auf ca. 10% der e-Scooterfahrten trifft das tatsächlich zu.

Dieser Anteil wird sich jetzt noch erhöhen, da die große Zahl der privat gekauften e-Scootern in diesem Frühjahr zum ersten mal auf die Strassen kommt und die Sharingfahrzeuge ergänzt. Bei Fahrten mit dem eigenen e-Scooter entfällt das Bezahlen für jede einzelne (Sharing-)Fahrt, was die Nutzung erhöht. Lies dazu gern unseren Beitrag: e-Scooter: Realitäts-Check.

Da e-Scooter meist für Fahrten zwischen 2 und 4 Km verwendet werden und ihre Höchstgeschwindigkeit (in Deutschland) mit 20 km/h noch unter der von Fahrrädern und Pedelecs (elektrische Unterstützung bis 25 Km/h) liegt, ist ihr Potential zu begrenzt, um viele Autofahrten oder einen Teil der Autos ganz zu ersetzen.

 

e-Mopeds und e-Leichtkrafträder

 

Elektroroller sind Motorroller mit Elektroantrieb („Elektro-Vespas“). Je nach Leistung und Höchstgeschwindigkeit fallen sie entweder in die Klasse der e-Mopeds (EU-Klasse L1e) oder e-Leichtkrafträder (EU-Klasse L3e).

Die Bauform des Rollers mit offenem Durchstieg und dem Schutz vor Spritzwasser macht sie gerade in der Stadt für viele praktischer und alltagstauglicher als andere Bauformen der e-Mopeds und e-Leichtkrafträder, wie z.B. die klassische Motorrad- oder Mofa-Form.

e-Mopeds haben eine Höchstgeschwindigkeit von 45 Km/h und dürfen mit dem PKW-Führerschein gefahren werden, bzw. ab 16 Jahren mit dem entsprechenden „Moped-Führerschein“. Das macht den Zugang zu ihnen leicht.

e-Leichtkrafträder haben je nach Modell Höchstgeschwindigkeiten zwischen 60 und 100 Km/h. Mit dem Führerschein A1, dem „kleinen Motorradführerschein“, dürfen sie in Deutschland ebenfalls ab 16 Jahren gefahren werden. Ein PKW-Führerschein reicht nur aus, wenn dieser vor 1980 ausgestellt wurde. Seit 2020 kannst Du, wenn Du wenigstens 25 Jahre alt bist und Deinen PKW-Führerschein seit mindestens fünf Jahren hast, mit ein paar zusätzlichen Theorie- und Fahrstunden, ohne zusätzliche Prüfung, ein passendes „Führerschein-Upgrade“ bekommen.

 

Sharing und Privatbesitz

 

Wie für e-Scooter gibt es (schon seit Jahren) auch in Deutschland in vielen Großstädten Sharinganbieter für Elektroroller. Diese fallen in die Kategorie der e-Mopeds mit 45 Km/h Höchstgeschwindigkeit.

In Deutschland sind das vor allem emmy, u.a. mit ihren e-Schwalben, und neuerdings auch Tier, die 5.000 Gogoro-Roller von Coup übernommen haben.

Die Auslastung der Roller ist hoch. Vor allem junge Leute nutzen die Sharing-Elektroroller häufig, zum Teil regelmässig. Die Preise pro Minute liegen etwa wie bei denen für e-Scooter. Da sie in kurzer Zeit größere Strecken zurücklegen können, werden sie viel für Alltagsfahrten und weniger von Touristen verwendet.

Die Verkaufszahlen für private Elektroroller steigen kontinuierlich jedes Jahr, zuletzt um ca. 50%. Auch die Modellauswahl wird jedes Jahr größer. Wir veröffentlichen in Kürze eine Marktübersicht über alle erhältlichen Elektroroller, ergänzend zu unser Komplettübersicht über alle in Deutschland zugelassenen e-Scooter.

 

Intelligenter und nachhaltiger Mobilitätsmix

 

Intelligente und nachhaltige Mobilität in Städten braucht einen Mix aus verschiedenen Verkehrsmitteln, die sich sinnvoll ergänzen. Kurze Wege, die zu Fuss sicher und angenehm zurück gelegt werden können. Fahrradwege, die idealerweise vom Autoverkehr baulich abgetrennt sind, inkl. der Integration von vor allem privaten e-Scootern. Öffentliche Verkehrsmittel, die zuverlässig, eng genug getaktet und zu Spitzenzeiten mit genügend Kapazitäten fahren. Idealerweise lokal emissionsfrei. Daneben der „motorisierte Individualverkehr“, der sich auf Zweiräder und Autos verteilt, inkl. der Sharing- und Pooling-Modelle.

Intelligente Apps, die auch bei einzelnen Wegen eine mühelose Kombination verschiedener Verkehrsmittel möglich machen zeigen wie es gehen kann. Allen voran Trafi aus Litauen, auf deren System mittlerweile die Mobilitätsapps von mehr als 30 Städten weltweit beruhen, inkl. der Jelbi-App aus Berlin.

Innerhalb dieses Mobilitätsmixes können und sollten nachhaltigere und schnellere Verkehrsmittel andere zumindest zum Teil ersetzen. Von allen Verkehrsmitteln ist das Auto das mittlerweile problematischste. Platzbedarf (beim Fahren und Parken), Lärm, gesundheits-, umwelt- und klimaschädliche Emissionen und Erdölförderung und -verarbeitung sind eng mit Autos verbunden.

Während die zuletzt genannten Punkte auf e-Autos nicht oder nur eingeschränkt und indirekt zutreffen, bleibt auch bei ihnen das Platz- und Verkehrsdichte-Problem.

Wer nicht körperlich eingeschränkt ist, nicht regelmässig lange Strecken zurücklegen oder eine Familie bewegen und „groß“ für sie einkaufen muss, für die oder den ist ein Elektroroller in der Stadt neben einem Fahrrad und den öffentlichen Verkehrsmitteln oft das bessere Fortbewegungsmittel als ein Auto.

 

Praktischer Nutzen von Elektrorollern

 

Bei unseren Befragungen loben Nutzer vor allem, dass sie mit Elektrorollern auch im dichten Stop-and-go-Verkehr schnell vorankommen und von Tür zu Tür fahren können. Die Parkplatzsuche entfällt, da die Fahrzeuge praktisch immer einen Platz am Zielort finden, ohne jemanden zu behindern.

Gepäckträger, manchmal Stauflächen unter dem Sitz und Gepäckhaken an denen Taschen im „Fussraum“ eingehängt werden können, machen normale Einkäufe möglich.

Elektroroller können mit zwei Personen gefahren werden.

Bei unseren Befragungen berichten Nutzer, die in der Stadt vom Auto auf einen Elektroroller umgestiegen sind, dass sie jedes Jahr zum Teil mehrere Tausend Euro Finanzierungs-, Unterhalts-, Wartungs-, Versicherungs- und Betriebskosten einsparen. Sie empfinden weniger Stress als beim Autofahren und schätzen die Zeitersparnis, sowohl bei den Fahrten, als auch den täglichen Parkplatzsuchen.

 

Wetter

 

Hier gilt das gleiche wie für das Radfahren. Wenn das Wetter gut genug zum Fahren mit dem Fahrrad ist, ist es auch akzeptabel für Rollerfahrer. Nur das bei Regen die Beine wegen der Verkleidung der Roller nicht nass werden.

Viele Rollerfahrer fahren auch im Winter, solange es nicht schneit oder glatt zu werden droht.

 

Fahrspass

 

Leute, die regelmäßig Elektroroller fahren, beschreiben das Erlebnis als eine Mischung aus fast lautlosem und mühelosem „dahingleiten“ und ein bisschen „Urlaubsgefühl“.

Die Motorcharakteristik mit dem jederzeit zur Verfügung stehendem Drehmoment, die Fahrer von Elektroautos schätzen, trifft auch auf Elektroroller zu.

 

Wo laden?

 

Elektroautos werden in der Praxis zu 80% zu Hause geladen. Bei Elektrorollern sind es 100%, denn bis auf sehr wenige Ausnahmen lassen sich die Batterien von Elektrorollern entnehmen und zu Hause an der Steckdose laden.

 

Ökobilanz

 

Lokal fährst Du mit einem Elektroroller sowieso emissionsfrei. Wenn Du (hoffentlich) einen Ökostromvertrag hast umso besser.

Die Akkus und die Roller selbst bringen einen verhältnismäßig kleinen „CO2-Rucksack“ mit, der nur bei einen Bruchteil von dem jedes Autos liegt.

Ebenso wie die meisten e-Scooter verwenden praktisch alle erhältlichen Elektroroller in ihren Akkus standardisierte Batteriezellen im 18650-Format (diese sehen aus wie Haushaltsbatterien und haben eine Größe von 18 X 65 mm). Batteriezellen in diesem Format wurden bisher z.B. in Teslas Model S und X verwendet. Die Stoffe in ihnen können bereits heute zu 96% recycelt werden. So, wie jetzt ein Batteriepfand für e-Scooter im Gespräch ist, wäre auch bei Elektrorollern ein Batteriepfand nützlich, um deren Recycling zu sichern.

 

Was die Verbreitung der Elektroroller verstärken würde

 

Um ihre Nutzung in Städten zu fördern, gibt es eine Menge Ansätze und Anreize z.B:

Finanzielle Anreize

Rund ein Dutzend kommunaler Energieversorger in Deutschland bieten schon jetzt Prämien zwischen 300 und 500 Euro beim Kauf eines Elektrorollers.

Ein bundeseinheitlicher Umweltbonus beim Kauf eines Elektrorollers, nach Vorbild der e-Auto-Kaufprämie, würde die Roller noch interessanter für Käufer machen. Wenn es einen höheren Bonus bei gleichzeitiger oder zeitnaher Abmeldung eines Autos gäbe, könnte das die Attraktivität zum Umstieg weiter erhöhen. Dadurch würde sich auch das Bewusstsein erhöhen, dass Elektroroller für viele StadtbewohnerInnen eine sinnvolle Alternative zum Auto sind.

Praktische Anreize

Es gibt jede Menge weiterer Ideen, die fast nichts kosten: z.B. die Freigabe von Busspuren für elektrische Zweiräder. Für Elektroautos ist das immer mal wieder im Gespräch.

In Metropolen wie London und Paris gibt es ausserdem, insbesondere vor Kreuzungen, viele ehemalige Autoparkplätze, die zu Motorradparkplätzen umgewidmet wurden. Insbesondere in Paris hat sich seit den neunziger Jahren die Zahl der Motorräder und Motorroller u.a. durch solche Massnahmen stetig erhöht. Mit dem Aufkommen der Elektroroller, wirken diese Entwicklungen nicht nur Verkehrsentlastend, sondern auch ökologisch.

 

Fazit

 

Elektroroller haben gegenüber Autos für Städte insgesamt, wie auch für eine große Zahl potentieller Nutzer mehrere Vorteile.

Sie sparen Platz, was den Verkehr entlastet, sie produzieren keine lokalen Emissionen, brauchen nur wenig Strom, der zu Hause an der eigenen Steckdose (mit hoffentlich Ökostrom) geladen werden kann, sie sind praktisch und zeitsparend im Alltag und sie sparen gegenüber dem Besitz und Betrieb eines Autos spürbar Geld.

Eine Mischung aus finanziellen und praktischen Anreizen würde ihre Nutzung noch attraktiver machen und die öffentliche Wahrnehmung ihrer Vorteile erhöhen.

 

 

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